Interview

Aus Märchen und Legenden
Der polnische Hexer
Interview mit Andrzej Sapkowski

Die Abenteuer des Hexers Geralt von Riva dürfen in keiner Fantasy-Bibliothek fehlen, gehören sie doch zu den herausragenden Veröffentlichungen dieses Genres. Die flott erzählten Geschichten lassen den Leser auf der Stelle in die vom polnischen Schriftsteller Andrzej Sapkowski ersonnene Fantasy-Welt eintauchen und begeistern mit einem charismatischen Helden, Humor und geschliffenen Dialogen. Besonders gefällt auch die Art und Weise, wie Sapkowski immer wieder mit altbekannten Märchen und Legenden jongliert und sie in einer frischen, parodistischen und oft auch pervertierten Form in die Handlung einbaut. NAUTILUS-Mitarbeiter Chris Peller konnte dem Schöpfer des Hexers ein paar Fragen stellen:

Können Sie etwas über die Geburtsstunde des Hexers, die Motivation und die Einflüsse erzählen?

Ich konzipierte und schrieb meine erste Geschichte Wiedzmin (»Der Hexer«) im Winter 1985 für einen Literaturwettbewerb von Fantastyka, einem führenden SF-Magazin in Polen. Mir war die wachsende Popularität des Fantasy-Genres aufgefallen, also entschloss ich mich, eine dementsprechende Story zu schreiben. Sie sollte allerdings etwas origineller und weniger dämlich als eine klassische Troll-Metzelei werden, denn mir war die wachsende Zahl dieser dummen und primitiven Geschichten in diesem Bereich ebenso bewusst. Nach reiflicher Überlegung habe ich mich für die Nacherzählung eines Märchens entschieden - eines ziemlich typischen Märchens: Der Lehrling eines armen Schuhmachers besiegt das unbezwingbare Monster, rettet das Königreich und erhält als Belohnung eine Prinzessin zur Frau. Soweit zu dem Märchen. Im Fantasy-Genre - oder in Fantasy-Welten - machen Schuhmacher jedoch Schuhe, Monster zu besiegen ist eine Aufgabe für Profis. Für ganz besondere Profis. Sie arbeiten für Geld und nicht, um eine Prinzessin zur Frau zu nehmen. Und deshalb führte ich Geralt den Hexer ein, einen professionellen Monsterjäger.

Wie viele Bücher haben Sie bislang über Geralt geschrieben? Ist es richtig, dass es sich bei den ersten beiden Werken eigentlich um Sammlungen von Kurzgeschichten über den Hexer handelt?

Ursprünglich sollte Der Hexer nur eine einzige, eigenständige Geschichte sein. Ich hatte nicht geplant, mehr über die Figur zu schreiben. Nachdem die Story jedoch 1986 veröffentlicht und von den polnischen Fantasy-Fans großartig aufgenommen wurde, habe ich meine Einstellung noch einmal überdacht. Ich schrieb und veröffentlichte weitere Hexer-Geschichten, ein oder zwei pro Jahr, sodass ich nach vier Jahren eine Kollektion herausbringen konnte. Nach zwei weiteren Jahren folgte dann eine zweite. Beide Geschichtensammlungen entsprachen mit ihren Überarbeitungen und Ergänzungen Romanen und wurden auch als solche wahrgenommen. Beide Bände, Der letzte Wunsch und Das Schwert der Vorsehung, sind in Deutschland erschienen. Aufgrund dieser soliden Basis beschloss ich, ein wirklich großes Werk in Angriff zu nehmen, eine fünf Bücher umfassende, klassische Fantasy-Saga im Stil von Die Chroniken von Amber oder der Belgariad-Saga, ein zur damaligen Zeit sehr seltenes Vorhaben in Polen. Es gibt also insgesamt sieben Bücher über den Hexer: zwei Sammlungen und einen fünf Bände umfassenden Zyklus. Zusammen können die Veröffentlichungen als eine kontinuierliche Geschichte angesehen werden.

In den Geschichten vom Hexer finden sich viele Anspielungen auf Märchen.

Wie ich bereits erwähnte, sollten meine Geschichten originell sein - und zwar nicht nur für Polen, sondern auch im internationalen Vergleich. Nach einiger Überlegung verwendete ich ein Stilmittel namens Euhemerismus. Euhemerismus bedeutet, die Wurzeln und Quellen von Mythen, Legenden und Märchen in tatsächlichen Begebenheiten und realen geschichtlichen Fakten zu suchen. Deshalb sagte ich mir, dass das klassische Märchen, wie wir es kennen - egal ob es sich dabei um Aschenputtel, Dornröschen, Schneewittchen oder Die kleine Meerjungfrau handelt -, ein Schatten, ein Palimpsest, eine überlieferte, immer und immer wieder erzählte und verfälschte Version tatsächlicher Ereignisse ist. Oder sich, wie in meinem Fall, in einer Fantasywelt wirklich zugetragen hat. Aber Fantasy ist kein Märchen, Fantasy ist quasi real. Deshalb wird aus meinem Schneewittchen auch eine Verbrecherin und keine Prinzessin. Und bei vielen meiner sogennanten Märchen gibt es kein Happy-End.

Sex und Frauen scheinen beim Hexer eine große Rolle zu spielen.

Sex und Frauen sind für alle wichtig. Es existiert keine gute Literatur ohne das Leitmotiv »Cherchez la femme«, das ist ein fester Bestandteil des Geschichtenerzählens. Nur in Verbindung mit dem anderen Geschlecht - sei es durch sexuelle Anziehungskraft, Zuneigung, Konfrontation oder den Gegensatz - kann sich ein literarischer Held vollständig entwickeln und wachsen.

Die Geschichten über den Hexer scheinen sich eher an erwachsene Fantasy-Liebhaber zu richten.

Zum einen teile ich meine Leser nicht in Altersgruppen ein, und ich schreibe auch nicht speziell für eine einzige Gruppe. Ich schreibe, was ich als passend erachte, und was mir gefällt. Und zum anderen zog Fantasy-Literatur in Polen seit der Veröffentlichung von Tolkien in den sechziger Jahren eher Erwachsene als Teenager in ihren Bann - zumindest bis Harry Potter aufgetaucht ist.

Waren Sie an der Entstehung des Kinofilms über den Hexer und die kurzlebige Fernsehserie-Serie beteiligt?

Nein, in keiner Form. Ich war mit dem Schreiben zu beschäftigt. Verlangen Sie bitte nicht von mir, dass ich zu diesen Produkten ins Detail gehe. Ich möchte keine Schimpfwörter in den Mund nehmen.

Waren Sie denn an der Entwicklung des PC-Spiels beteiligt?

Ich war involviert, allerdings hielt sich meine Beteiligung in Grenzen. Die Entwickler wollten, dass sich das Spiel so nahe wie möglich an den Büchern und meinen Geschichten orientiert, deshalb haben sie mir oft Fragen gestellt und Ideen mit mir diskutiert. Das war allerdings auch schon alles.

Sind Sie damit zufrieden, wie der Hexer und seine Welt in dem PC-Spiel dargestellt werden?

Ja, das kann ich behaupten, obwohl ich das Spiel nicht gespielt habe. Aber ich habe eine Menge Material gesehen, und es ist für mich wirklich sehr zufriedenstellend geworden - gute Arbeit.

Was können wir vom Hexer in der Zukunft noch erwarten?

Nun, nachdem ich die fünf Bücher des Hexer-Zyklus abgeschlossen hatte, verkündete ich »das Ende des Hexers«. Ich gab bekannt, dass alles erzählt ist und es nichts mehr zu sagen gibt. Die Fans reagierten darauf mit stürmischen Protesten, aber mein Entschluss stand fest. Inzwischen beendete ich die Arbeiten an dem drei Bücher umfassenden Zyklus über die Hussitenkriege, einer historischen Fantasy-Geschichte, bestehend aus Narrenturm, Gottesstreiter und Lux perpetua. Alle drei Werke wurden bereits in Deutschland veröffentlicht. Mittlerweile kam ich auch ins Grübeln: Vielleicht sollte ich ja den Hexer doch zurückholen? Bislang habe ich mich aber noch nicht entschieden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte
Chris Peller

Aus der Ausgabe 04/2008 des monatlich erscheinenden Fantasy- und Kino-Magazins NAUTILUS – Abenteuer & Phantastik